Als der Kaiser
in den Waschzuber fiel
Heitere, düstere und blutige Geschichten rund um den Würzburger Dom
Bischof Rudolph
von Scherenberg
Eine der schönsten Anekdoten berichtet die Historie von Bischof Rudolph von Scherenberg: Im damals außerordentlich hohen Alter von 65 Jahren war Scherenberg 1466 zum Fürstbischof gewählt worden. Die Domherren wünschten sich zu jener Zeit einen schwachen Übergangsbischof, der bald sterben sollte. Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Scherenberg regierte mehr als 30 Jahre lang und starb erst im Jahre 1496 im Alter von fast 95 Jahren. Und er packte enorme Reformen an. Seine Umgestaltungen auf finanzieller Ebene und liturgischer Ebene passten jedoch, wie zu erwarten war, vielen Domherren nicht ins Konzept. So führte Scherenberg etwa zur Sanierung der Staatsfinanzen mit großem Erfolg den Guldenzoll und die Brückensteuer ein. Die Domherren bedrängten daher den alten Mann, er möge doch einen Koadjutor ernennen, also den Nachfolger bereits zu Lebzeiten aussuchen. Sie hofften, dass dieser bald die Regierungsgeschäfte an sich reissen würde.
Scherenberg gab zunächst nach und versprach bei der nächsten Kapitelsversammlung seinem Wunschnachfolger das Birett, die Kopfbedeckung des Bischofs, aufzusetzen und so seinen Koadjutor festzulegen. Am Tage der Versammlung betritt der Bischof wohlüberlegt und gemessenen Schrittes den Kapitelssaal. Er mustert den ersten, den zweiten und geht schließlich alle Domherren bedächtig der Reihe nach durch. Beim letzten bleibt er besonders lange stehen, mustert diesen genauer als die vorherigen. Schließlich greift Bischof Scherenberg zu seiner Kopfbedeckung und sagt laut in die Runde: „Wenn es wahr ist, was die Leute sagen, dann gibt es keinen Würdigeren dieses Birett zu tragen, als dich!“ Spricht’s und setzt sich selbst das Birett auf den eigenen Kopf und verlässt den Saal ...