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Reportage

„Okay, ich muss jetzt vertrauen“

Höhenrettungsübung der Berufsfeuerwehr Würzburg am Neumünster – Rebecca Reljac von der Internetredaktion des Bistums lässt sich als „Patientin“ retten

Würzburg (POW) Es ist ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne scheint auf die Dächer Würzburgs, die Fernsicht ist phänomenal. Meine Kollegin Rebecca Reljac (kursiver Text), Redakteurin in der Internetredaktion des Bistums Würzburg, sitzt auf der Kante des Gitterwegs, der die Kuppel des Neumünsters mit dem Glockenturm verbindet. Unter ihr geht es rund 20 Meter in die Tiefe. Auf dem Kopf trägt sie einen Helm mit Visier, und um die Hüften ein sogenanntes „Rettungsdreieck“, eine Art Tragetuch mit vielen Gurten und Karabinerhaken. Über diese ist sie mit ihrem „Retter“ Pascal Fellner verbunden. „Seid Ihr bereit?“, ruft ein Feuerwehrmann. „Bereit!“, antwortet Fellner. „Rebecca, einmal unter dem Geländer durchschlupfen und schön festhalten.“ Noch hat sie eine Hand am Geländer. Wenige Sekunden später schwebt sie zusammen mit Fellner langsam in die Tiefe. Sieben Männer der insgesamt 20 Mitglieder zählenden Höhenrettungsgruppe der Berufsfeuerwehr Würzburg proben am Donnerstag, 10. November, am Neumünster in der Würzburger Innenstadt die Rettung von Verletzten.

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„,So, und jetzt mal zurücklehnen und einfach ins Tragetuch und die Gurte reinsacken lassen.‘ Okay, denke ich. Das heißt, ich muss jetzt wirklich darauf vertrauen, dass die unzähligen Seile gesichert sind und Pascal, mein Retter, weiß, was er tut. Ich kann nicht nach unten blicken und schauen, ob ich mich mit den Füßen irgendwo an der Wand wegdrücken kann – unsere Knie versperren die Sicht. Ich lasse den linken Fuß in die Luft hängen und setze mich in mein Tragetuch. Tatsächlich: Ich sitze wie in einer Hängeschaukel und kann die Beine baumeln lassen. Ein seltsames Gefühl, keine Kontrolle mehr darüber zu haben, in welche Richtung ich mich bewege. Mit Höhe habe ich eigentlich keine Probleme, aber jetzt merke ich, wie meine Hände vor Aufregung doch zittern. Als auch Pascal das Geländer loslässt, macht es einen kleinen Ruck, und mein Herz einen kleinen Hüpfer, weil ich ein paar Zentimeter nach unten sacke. Aber Pascal hat alles unter Kontrolle. Während ich versuche, mich zu sortieren, und überlege, was ich mit meinen Händen mache, gibt er an seine Kollegen das Kommando, weiter Seil nachzugeben. Er drückt uns vom Dachvorsprung weg und wir gleiten Zentimeter für Zentimeter nach unten. Das erste Hindernis ist geschafft.“

Reljac und Fellner haben mittlerweile das schiefergedeckte Vordach unterhalb der Kuppel erreicht. Von oben sind sie mit zwei Seilen gesichert – einem Last- und einem Sicherungssystem, wie Ausbilder Christian Scheder erklärt. Ein drittes Seil verläuft wie ein Flaschenzug hinunter in das Lusamgärtchen zu drei Höhenrettern. Mit diesem ziehen sie Reljac und Fellner ein Stück von der Fassade weg, damit sie unbeschadet am Vordach vorbeischweben. „Wir können hier nicht einfach senkrecht nach unten. Wir müssen den Patienten etwas vom Haus wegziehen, damit er nicht an den Kanten hängenbleibt und sich stößt oder verletzt“, erklärt Scheder. Auch wolle man das Dach nicht beschädigen. Aber nicht nur die vielen Vorsprünge sind eine Herausforderung. Um überhaupt zu einem Verletzten in die Kuppel zu kommen, muss man erst eine steile Wendeltreppe und dann unzählige Holztreppen erklimmen. Mit jedem Höhenmeter werden die Stufen schmaler. Manche Abschnitte sind so eng, dass gerade mal ein Mensch durchpasst. „Das ist eine Übung, wie sie sich tagtäglich in der Realität ereignen kann“, sagt Scheder.

„Jetzt sind auch die Rettungskräfte unten am Boden gefragt. Mit Hilfe des Flaschenzugs ziehen sie uns vor dem nächsten Dachvorsprung weg. Pascal fragt, ob es mir gut geht, und sagt, ich soll Bescheid geben, wenn meine Füße zu kribbeln beginnen. An den Füßen merke ich nichts, aber tatsächlich drückt es mich die ganze Zeit nach hinten, was ganz schön auf den Rücken geht. Pascal kreuzt seine Beine hinter meinem Rücken, und so habe ich eine kleine Lehne.“

Um Höhenretter zu werden, brauche man „Schwindelfreiheit und eine gesunde Portion Respekt“, sagt Scheder. Die Anwärter absolvieren einen 14-tägigen Grundlehrgang. Dazu kommen jährlich mindestens 72 Fortbildungsstunden. Das sind zum einen die „Objekttage“, wie zum Beispiel heute am Neumünster. Zum anderen werden im Rahmen des normalen Dienstes wichtige Fertigkeiten geübt, zum Beispiel das Abseilen. Doch das ist noch nicht alles. Weil die Höhenretter bei einem Notfall in der Regel als Erste vor Ort sind, haben alle eine Ausbildung als Rettungssanitäter beziehungsweise Notfallsanitäter (vormals Rettungsassistent). Auch eine psychologische Schulung gehört zur Ausbildung. Das sei zum Beispiel im Umgang mit suizidgefährdeten Menschen wichtig, sagt Scheder.

„Letztes Hindernis: die Ecke des Glockenturms. Aber auch die ist schnell gemeistert, indem Pascal uns mit Kraft von der Ecke wegdrückt. Dann lassen wir uns einfach hängen. Die Kollegen sorgen dafür, dass weiter Seil nachgegeben wird. Nach und nach gleiten wir nach unten. Wenige Zentimeter über dem Boden sagt Pascal, dass ich gleich mit den Füßen den Boden berühren müsste und ich mich dann einfach hinstellen kann. Gesagt, getan. Als ich fest stehe, gibt er über Funk Bescheid: ,Patient ist am Boden.‘ Ich bin erleichtert und gleichzeitig erstaunt, wie schnell das alles ging. Das Abseilen hat keine zehn Minuten gedauert. Jeder wusste, was er zu tun hat. Gemeinsam haben alle im wahrsten Sinne des Wortes an einem Strang gezogen.“

Insgesamt drei Übungsszenarien absolvieren die Höhenretter an diesem Tag. Am Morgen hatte sich ein Kollege mittels einer Armschlinge in einen Dachdecker mit gebrochenem Arm verwandelt, der von der Kuppel gerettet werden musste. Diese ist allerdings nur über eine steile Holzleiter und enge Luken erreichbar. Da man den Mann nicht über die Treppen nach unten bringen konnte, ließen die Höhenretter ihn ein Stück durch das kirchliche „Treppenhaus“ nach unten schweben. Für Verletzte, die nicht bewegt werden dürfen, gebe es auch ein sogenanntes „Spine Board“, auf dem sie mit Gurten sicher fixiert werden können. „Wir haben einen großen Baukasten an Rettungsmöglichkeiten, die wir passend zusammensetzen“, erklärt Scheder. Die dritte Übung war eine sogenannte „Sofortrettung“: „Das bedeutet, dass der Mann schnellstmöglich runter muss.“ Scheders zufriedenes Fazit nach der insgesamt sechsstündigen Übung: „Alle sind unten, keiner wurde verletzt, und wir haben viele neue Erfahrungen gemacht.“

Aus der Perspektive von Rebecca Reljac gibt es auch eine Story auf Instagram.

Mehr über die Aufgaben der Höhenrettungsgruppe erfährt man im Internet.

Rebecca Reljac/Kerstin Schmeiser-Weiß (POW)

(4722/1288; E-Mail voraus)

Hinweis für Redaktionen: Fotos abrufbar im Internet