Geistliches Wort zur Fastenzeit
Liebe Leserinnen und Leser,
Fastenzeit, so heißt die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern: Zeit zur Umkehr. Umkehr wozu? Umkehr wohl deswegen, weil das wichtigste in unserem Leben darin besteht, dass jeder und jede von uns immer mehr Mensch wird. Damit sind wir wohl nie am Ende, damit werden wir nicht irgendwann fertig. Auch unser Christ-Sein oder besser unser Christ-Werden bleibt immer ein Weg, den es unter die Füße zu nehmen gilt. Deswegen erinnert die Kirche mit der Fastenzeit daran, dass es keine bessere Gelegenheit dazu gibt als die Zeit vor Ostern, die österliche Bußzeit, Zeit zu Buße und Umkehr!
Wie diese Wandlung zur mehr Leben gelingen kann, zeigt uns der Ritus des Asche-Auflegens am Aschermittwoch: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“ Schlagartig kann uns dabei die Vergänglichkeit menschlichen Lebens bewusst werden. Umso drängender wird unser Vorsatz, uns dem Wesentlichen im Leben zu zu wenden, der Liebe Gottes nach zu eifern, die wir in Jesus Christus erkannt haben.
Das Aschenkreuz kann auch mit dem Wort des Evangeliums verbunden werden: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15). Damit kommt Jesus selbst zur Sprache und ermahnt uns, was die österliche Bußzeit eigentlich meint: Auferstehung zu neuem Leben, Umkehr und Glaube als Antwort auf die Liebe, die Jesus am Kreuz der Welt gezeigt hat. Die Kraft seiner Liebe und Hingabe am Kreuz fordert uns heraus. Sie macht Umkehr zu mehr Glaube, Hoffnung und Liebe möglich.
Auch im Evangelium ist die Fastenzeit ein Thema. Jesus sagt: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht!“ (Mt 6,16). Damit fordert er uns zu einem schöpferischen, nicht zu einem missmutigen Fasten auf. Die Fastenzeit will durch einen befreienden Verzicht neue Kräfte in uns wecken. Sie will uns loslösen von so vielem, was von außen auf uns einströmt und uns eben nicht frei macht, sondern einengt. Die Fastenzeit kann die inneren Kräfte in uns wecken und das innere Licht in uns neu entzünden.
So laden die Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern bewusst wieder ein, zum Verzicht und zum Gebet zu finden. So kann diese Zeit uns zum Segen und zur Kraftquelle werden. Davon kündet schon der Profet Joel. Er deutet uns nämlich an, wie Gott auf die Umkehr des Menschen reagieren wird. Er sagt: „Kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat. Vielleicht kehrt er um, und es reut ihn, und er lässt Segen zurück.“ (Joel 2,13-14). Was für eine Aussage! Gott reagiert auf die Umkehr des Menschen zu ihm mit seiner Umkehr zum Menschen. Selbst wenn Gott und Mensch sich völlig voneinander abgewandt haben, buchstäblich Rücken an Rücken stehen und sich völlig aus den Augen verloren haben, genügt die ehrliche Umkehr des Menschen und auch Gott wird sich ihm wieder zuwenden. Nicht nachtragend, sondern „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.“ – „Und er lässt Segen zurück.“
Sollten wir diese Verheißung des Profeten ausschlagen? Wollen wir etwa Gott stehen lassen, wenn er uns zur Umkehr aufruft und uns seinen Profeten sendet, der an unser Herz appelliert: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider und kehrt um zum Herrn, eurem Gott!“ (Joel 2,12-13). Nein, antworten wir ehrlich und bereit auf den Ruf zur Umkehr. So kann die Fastenzeit zur Segenszeit für uns werden. So können wir neu zu Gott, zu einander und zu uns selbst finden.
Ein solch schöpferische Zeit der Umkehr wünscht Ihnen Ihr
Dr. Jürgen Vorndran, Dompfarrer
Dompfarrer Dr. Jürgen Vorndran