Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.
Gründonnerstag und die Tränen Jesu
Tränen der Enttäuschung
Jesus weint darüber, dass Jerusalem seine Stunde nicht erkannt hat
„Als Jesus näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Frieden bringt. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Lukas 19,41-42)
So sagt Jesus nach dem Einzug in Jerusalem. Die Heilige Stadt ist nicht bereit, den Messias, den Heiligen, aufzunehmen, der ihr die ersehnte Rettung bringt, ganz im Gegenteil:
„Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind.“ (Lukas 13,31), klagt Jesus.
Die Tränen des Herrn über Jerusalem sind auch Tränen über die Kirche. Jahr für Jahr feiern wir die heiligen drei Tage. Aber sind wir auch innerlich dafür bereitet? Haben wir seine Stunde erkannt und uns auf unsere Stunde der Begegnung mit dem Messias vorbereitet? Hat uns dieser Messias was zu sagen? Erwarten wir noch etwas von ihm? Oder rührt uns das alles nicht weiter an?
Die Tränen Christi zu Beginn der heiligen drei Tage sind Tränen der Enttäuschung, dass es möglich ist, die ausgestreckte Hand Gottes einfach nicht zu sehen und sie nicht zu ergreifen. Der Hebräerbrief sagt in drastischen Worten, dass jeder, der den Glauben nicht ernst nimmt, den Herrn noch einmal kreuzigt und ihn neuerlich zum Gespött macht! (Hebräer 6,6) Jesu Tränen fordern uns auf, in heiligem Ernst in diese Tage einzutreten und das Geheimnis von Tod und Auferstehung so mitzuvollziehen, dass es unser Leben verändert.
Die Tränen über den Unverstand der Jünger
Die Jünger verstehen die Geste der Fußwaschung nicht
Jesus liebt die Jünger „bis zur Vollendung“, so hieß es im Evangelium eindrücklich. Er will, dass sie vollendet wären als Jünger und damit ihrem Meister gleichkämen. Er will sie vollenden nicht nur durch Belehrung, sondern durch das gelebte Beispiel, weil Worte nur bewegen, aber das Beispiel wirklich zur Nachahmung einlädt, weil er als das „fleischgewordene Wort“ Worte zu Taten werden lässt. Deshalb wird der Meister zum Knecht und der Herr zum Diener. Denn groß ist nicht der, der über andere herrscht, sondern der, der anderen dient – das ist die Botschaft und das Beispiel Jesu. Aber die Jünger verstehen es nicht: Judas plant den Verrat, weil er mit einem solchen Messias nichts anfangen kann. Und Petrus will sich nicht waschen lassen, denn er ahnt, dass er dann auch zum Diener der anderen werden müsste, er, der „Felsenmann“ und Anführer der Jünger. Es ist zum Heulen. Jesus weint über den Unverstand der Jünger.
Es ist befremdend, wenn einen plötzlich keiner mehr versteht und wenn man wie gegen eine Mauer läuft. Kann das sein? Ist man sich tatsächlich so fremd geworden? Oder war man sich noch nie wirklich nah? Hat man sich so ineinander getäuscht? „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“, fragt Jesus. Die Jünger haben es offensichtlich nicht begriffen. Und wir?
Tränen der Angst und des einsamen Ringens am Ölberg
Jesus weint in der einsamen Nacht der Entscheidung
Die Lebenshingabe im Zeichen der Fußwaschung hatte Jesus unterstrichen durch das Brechen des Brotes und den Segen über den Kelch. Durch beides gab er den Jüngern Anteil an seinem Leben. Was er zeichenhaft vorwegnahm, löst er ein beim Gebet am Ölberg. Die Jünger beten nicht mit, sie schlafen, verschlafen das Wichtigste: den betenden Meister zu sehen, der mit Gott, seinem Vater, ringt um diesen letzten Weg: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ (Markus 14,36) Tränen der Angst weint Jesus in dieser einsamsten aller Nächte, während die anderen teilnahmslos schlafen und ihn alleine lassen. Nächte, die auch wir wahrscheinlich alle kennen – eine letzte Einsamkeit, die einem niemand abnehmen kann, in der man eine Entscheidung fällen muss, die man nicht delegieren kann, in der man ringt um den eigenen Lebensweg und um die Treue zu sich und zu Gott, in der man einfach Angst hat vor dem, was kommt, und keiner ist da, der helfen könnte. Wenigstens ein Engel habe Christus in dieser Nacht getröstet, weiß zumindest der Evangelist Lukas zu berichten (Lukas 22,43). Die Tränen der einsamen Angst, sie münden für Jesus ein in die Haltung der Ergebenheit in Gott und des totalen Gottvertrauens. Finde ich mich in den Tränen der Angst und der Einsamkeit des Herrn wieder? Kann ich mit ihm fühlen? Weiß ich mich durch sein Gebet in jener Nacht getragen bei meinem eigenen Ringen, in meinen Ängsten und in meiner Einsamkeit?
Sammle meine Tränen in einem Krug
Die Tränen Christi als Quelle des Heils, die die Sünden abwäscht
Tränen der Enttäuschung – Tränen des Unverstands – Tränen der einsamen Angst: Die Tränen Jesu zeigen uns den wahren Menschen Jesus. Er hat ein empfindsames Herz, das sich nicht unempfindlich macht und abhärtet. Er lässt den Schmerz zu, ohne sich zu betäuben. In ihm fühlt Gott selbst die Enttäuschung, den Unverstand und die Angst dieser Welt am eigenen Leib. So werden uns die Tränen Christi kostbar. „Sammle meine Tränen in einem Krug, zeichne sie auf in deinem Buch. Dann weichen die Feinde zurück an dem Tag, da ich rufe: Ich habe erkannt. Mir steht Gott zur Seite. Ich vertraue auf Gott, ich fürchte mich nicht.“ (Psalm 56,9-10) So betet der Psalmist in Psalm 56 – ein Wort, das die Väter der Kirche auf Christus selbst gedeutet haben. Er bittet Gott, seinen Vater, darum, dass seine Tränen nicht umsonst vergossen seien, er bittet darum, dass Gott seine Tränen aufbewahre, seines Leidens gedenke und all der Schmerzen, die er um unseretwillen erlitten hat. Denn diese Tränen haben die Kraft, die Sünde der Welt abzuwaschen und auch uns im Innersten rein zu machen. Ja, Herr, sammle die Tränen Christi in einem Krug, und mache seine Tränen für uns zur Quelle des Heils. Amen.
